Werk-Stadt unter freiem Himmel

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Natur
  • Text: Anette Graupe
  • Video: sun21
    Fotos: z.V.g. Urban Agriculture

Kurzprofil

Urban Agriculture Basel
http://urbanagriculturebasel.ch

Bastiaan Frich

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Werk-Stadt unter freiem Himmel

Bastiaan Frich und Tilla Künzli, «Urban Agriculture Basel»

Landwirtschaft in der Stadt? Das gibt Rätsel auf. Im Gemeinschaftsgarten Landhof, dem charmantesten Flaggschiff der Bewegung Urban Agriculture Basel, offenbart sich das Geheimnis für eine nachhaltige Stadtentwicklung: Der Garten ist offen für Bienen und Blindschleichen, ebenso für Menschen aller sozialen Schichten und Herkunft.

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Eine essbare Stadt anpflanzen

Wer sich durch die hektische, vielbefahrene Strasse gegenüber der Messe Basel kommend in den Gemeinschaftsgarten Landhof hinein begibt, der tritt wahrhaftig in ein anderes Reich ein. Der Kontrast vom Grau der Strassenschlucht hinein in die unterschiedlichsten Grüntöne könnte nicht grösser sein. Ob man wohl in einen Brunnen gefallen ist, wie die Spinnerin aus dem Märchen von Frau Holle, und jetzt aus der Bewusstlosigkeit erwacht? Denn plötzlich findet man vieltausend Blumen vor, Gemüse, Beerensträucher und ein achteckiges Gewächshaus. Sogar einen Apfelbaum  und einen Backofen aus Lehm gibt es hier. Doch statt dem sprechenden Brot und einer Frau Holle begegnet man hier realen Menschen unterschiedlichen Alters, vor allem am Mittwochnachmittag und am Samstag beim gemeinsamen, angeleiteten Gärtnern.

«Ich kann etwas bewirken und andere Konsummuster wählen, Verantwortung übernehmen, jetzt.»

Tilla Künzli

Bastiaan Frich

Tilla Künzli und Bastiaan Frich, beide Ende zwanzig, haben den Gemeinschaftsgarten, das bekannteste Flaggschiff des Vereins Urban Agriculture Basel UANB, vor fünf Jahren mitinitiiert. Mit viel Mut, Phantasie und der Unterstützung der Stadtgärtnerei Basel haben sie den Ort entsiegelt, mit Erde aufgefüllt und alle erdenklichen Gemüsesorten und Blumen in kurzer Zeit und in vielen Arbeitsstunden angepflanzt.

Ihre Vision von einer «essbaren Stadt» hat inzwischen konkrete Formen angenommen und strahlt von hier aus in andere Quartiere und Städte, und sogar in die ganze Welt. Tilla und Bastiaan gehen unbeirrt einen neuen Weg und liegen damit im Trend: «Menschen werden sich in Zukunft mehr mit den Grundlagen ihres Daseins beschäftigen», so Trendforscher Matthias Horx. Im Garten Landhof hat diese Zukunft offensichtlich schon begonnen, scheinbar ganz unspektakulär.

Für die beiden jungen Menschen ist der Stadtgarten im Landhofareal denn auch mehr als nur eine Communtiy auf Zeit, wo man sich trifft und die Freizeit verbringt. Vielmehr sehen sie ihn als Transmitter und Plattform für Themen wie Stadtökologie, Nachbarschaftsgestaltung, lokalen Wissens- und Ermächtigungsort für das Gemeinwohl und den eigenen Wandel.

Denn wer erfährt, dass ein Salatkopf einige Wochen Zeit und Zuwendung für sein Gedeihen braucht und dass es möglich ist, alte Sorten, wie die «Puffbohne vom Lötschental» anzubauen oder den schönen Kardy wieder kennenzulernen, der wird zunehmend sensibel für Erntezyklen, Saisonalität und ländliche Landwirtschaft.

Tilla Künzli ist in Amerika aufgewachsen und hat dort studiert. Die Künstlerin kennt die Monokultur im Supermarkt zur Genüge. Es gab alles immer. Doch ihr Hunger nach ganzheitlicher Erfahrung und nach Sozialkontakten blieb. Sie sagt begeistert: «Ich kann etwas bewirken und andere Konsummuster wählen, Verantwortung übernehmen, jetzt. Es ist so einfach, mit nichts anzufangen, selber aktiv zu werden und die Kraft zu nutzen, die man hat.»

Tilla und Bastiaan sind sich einig: Eine Stadt könnte auch anders sein, gestaltbarer, erlebbar. Damit sich eine zukunftsfähige Entwicklung entfalten kann, braucht es vor allem Wertschätzung für die Landwirtschaft und Ernährung als Grundlage unseres Daseins. Wer dabei mitwirken will, muss nicht mehr tun, als fleissig immer wieder mal eine Schaufel oder Grabgabel in die Hand nehmen. Am Schluss wird man vielleicht nicht mit einem Goldregen, wie bei Frau Holle, aber mit einem Salatkopf, Gemeinschaft und Sinn belohnt.

Publiziert im September 2015

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Ilinka Siegrist und Maya Bosshart von SWO